2. March, 2007

Barney Superstar

gestern inner Berliner Zeitung :

Der ewige DJ
Barney Millah ist Deutschlands meistgebuchter Reggae-Selector. Er legt fast jeden Abend auf

Yoko Rückerl

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Bild:Markus Wächter

Freitagnacht im Icon, ein Kellerclub in Prenzlauer Berg. Harte, schnelle Dancehall-Rhythmen treiben die Tänzer. Es ist eng und heiß. Plötzlich stoppt die Musik, die Platte wird zurückgedreht. Es klingt, als würde ein Anrufbeantworter zu hektisch gespult. Die tanzende Meute pfeift, Hände recken sich in die Luft, zu Barney Millah, dem Mann hinter dem DJ Pult. Der grinst und legt nun sanften Reggae auf. Er sieht aus, als würde ihn freuen, dass er sein Publikum wieder mal überrascht hat. Dass er das immer noch kann - nach 23 Jahren in dem Job.

Der Mann, der sich Barney Millah nennt und 40 Jahre alt ist, ist Deutschlands meistgebuchter Reggae- und Dancehall-Selector. So werden DJs in der Reggae-Szene genannt. Reggae ist in, besonders beim jungen Clubpublikum. In diesem Jahr stand Barney Millah bereits mehr als 40 Nächte hinter den Plattentellern. Im Durchschnitt ist er dreimal pro Woche in Berliner Clubs gebucht. Im Yaam, Café Moskau, Bohannon und Icon ist er Resident DJ. Das ist eine Art Club-Beamter: ein DJ mit eigenem, festem Abend.

Barney Millah gilt als Vorzeigemann der deutschen Reggae-Szene. Er war einer der Ersten, die in Deutschland Dancehall spielten, schnellen und aggressiven Ghetto-Reggae. Millah brachte ihn 1991 von Jamaika mit nach Kreuzberg. Damals gründete er mit seinem besten Kumpel “Concrete Jungle”. Ein sogenanntes Soundsystem, ein Musiker-Team aus einem Selector und einem MC, der das Publikum mit dem Mikrofon anheizt. “Concrete Jungle” wurde stadtbekannt. Inzwischen tritt Barney Millah allein auf. “Manchmal funktioniert das eben besser”, sagt er. Es funktioniert so gut, dass Millah vom Auflegen leben kann. Auch wenn seine Gagen längst nicht so hoch sind wie die von Techno- und Elektro-DJs. “1 500 Euro pro Nacht war mal Maximum, sonst gibt’s weitaus weniger”, sagt er.

Wer den 40-Jährigen zu Hause in Kreuzberg besucht, hat das Gefühl, in einer Studenten-WG zu stehen. Barneys Mitbewohner grüßt, Zigarettenrauch hängt in der Luft, Poster und Flyer an den Wänden. Millah trägt Baggy-Jeans und T-Shirt. Es ist fünf Uhr nachmittags, er ist gerade aufgestanden. Vor sechs Uhr morgens kommt der DJ nie von der Arbeit. “Vampirleben”, nennt Barney Millah das. Seinen richtigen Namen möchte er übrigens nicht öffentlich preisgeben. Den DJ-Namen gab ihm ein Freund, eine Anspielung auf Barney Geröllheimer von der “Familie Feuerstein”.

Trotz der langen Nächte sieht Millah jünger aus, als er ist. “Ich bin so viel mit Jüngeren zusammen, dass ich mich auch so fühle”, sagt er. Das fällt ihm bei Klassentreffen auf. Da sitzt der DJ zwischen Müttern und Vätern, Bankkauffrauen und Betriebsleitern. “Und ich bin immer noch der Clown, der sich erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal Gedanken über seine Rentenversicherung gemacht hat.” Das sind Momente, wo ihm auffällt, dass er ja eigentlich erwachsen ist. Er hat mal ein paar Semester Jura und Germanistik studiert. Aber so richtig hat er sich immer nur für Musik interessiert. Sein Zimmer hat er bis unter die Decke voll gestopft mit Platten und CDs. Über 10 000 stehen da. Seine erste Platte kaufte er mit sechs: Eine Single der Glamour-Rock-Band “Rubettes” aus den Siebzigern. Musikalisch habe er alles mitgemacht, sagt er. “Ich war New Wave, Skinhead, Popper, Öko und wahrscheinlich der erste Punk, der zum Schulsprecher gewählt wurde.” Mit dreizehn entdeckte er Reggae. Die Band UB 40 und die Reggae-Sendungen auf einem britischen Soldaten-Radiosender verzauberten ihn. Jimmy Cliff und Bob Marley kamen später dazu. Er reiste immer wieder nach Jamaika, lernte sogar die jamaikanische Kreolen-Sprache Patwah.

Wie lange er seinen Job noch machen will, weiß er genau: “Bis ich tot umfalle.” Er brauche das Auflegen. “Ich verarbeite alles in der Musik.” Für Lars Döring, Chef des Icon-Clubs, ist Barney Millah ein Phänomen. “Es ist selten, dass ein DJ so lange erfolgreich ist. Barney atmet Reggae, ist authentisch und jung geblieben.” Hätte er trotzdem einen Plan B gehabt, wäre das alles nicht so gut gegangen mit dem Plattendrehen? “Klar”, sagt Barney Millah. “Dann wäre ich jetzt Grundschullehrer.”

Berliner Zeitung, 01.03.2007

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